Räuberhöhle oder Kirche
 
Predigt-Text: Mt 21,12-17:

12 Jesus trat in den Tempel und trieb alle hinaus, die im Tempel verkauften und kauften, die Tische der Wechsler & die Sitze der Taubenverkäufer stieß er um. 13 Und er spricht zu ihnen: Es steht geschrieben: "Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden"; ihr aber macht es zu einer "Räuberhöhle". 14 Dann traten Blinde und Lahme im Tempel zu ihm, und er heilte sie. 15 Als aber die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrieen und sagten: Hosanna dem Sohn Davids! wurden sie unwillig 16 und sprachen zu ihm: Hörst du, was diese sagen? Jesus aber sprach zu ihnen: Ja, habt ihr nie gelesen: "Aus dem Mund der Unmündigen & Säuglinge hast du dir Lob bereitet"? 17 Dann verließ er sie, ging zur Stadt hinaus nach Betanien & übernachtete dort.

 
Vorrede

1. Der Messias kommt in sein Haus
2. Der Messias reinigt sein Haus
3. Der Messias sieht sein neues Haus

Vorrede

Jesus zieht im April 30 in Jerusalem ein - um zu sterben. Er geht in den Tempel und räumt ihn aus. Er macht das zum zweiten Mal.

  • Im ersten Jahr seines Auftretens hat er es schon einmal gemacht (Joh 2). Damals geschah es im Rahmen seines Rufs zu Umkehr und Reformation. "Der Eifer um dein Haus verzehrt mich (Joh 2,17)". Damals war er eifrig, sein Volk Gott zuzuführen.
  • Jetzt kommt er wieder in der Vollmacht des Messias, um das kommende Gericht anzudeuten. - Die Gottesverachtung zeigt sich nicht zuletzt am Tempel: "Räuberhöhle", nennt er ihn. Das stammt aus Jeremia 7,11. Dort kündigt Gott deshalb die Zerstörung des 1. Tempels an. Wenn Jesus jetzt dieses Wort aufnimmt, steht im Hintergrund das Gericht.
  • Nach den Tempelreden gibt er seinen Jüngern Einblick, was geschehen soll (Mt 23,38 & Mt 24). Knapp 40 Jahre später gibt es keinen Tempel mehr. - Das führt die orthodoxen Juden bis heute in das Dilemma, dass sie keine Vergebung ihrer Sünden haben.
  • Er wird auch vom neuen Tempel reden (Joh 2,19, Mt 26,61), den er mit Tod und Auferstehung baut - nicht mehr aus Steinen, sondern aus Menschen.

Der steinerne Tempel war ein Vorbild für den Leib Christi, die Gemeinde. Die Gemeinde aber ist der wahre Tempel Gottes, wo Gott baut und wohnt (1. Kor 6,19 / Eph 2,22). Vollendet ist dieser Bau erst in der Ewigkeit.
Nebenbei:

Sehen wir bei Gott und seinem Tempel eine leichte Ähnlichkeit zu den Vorarlbergern, die typische "Hüslebauer" sind und ständig am und ums Haus beschäftigt sind.
Der kleine Unterschied: Gott macht keinen Pfusch, was man von uns nicht unbedingt behaupten kann.

1. Der Messias kommt in sein Haus

Was er antrifft: blökende Lämmer, gurrende Tauben, schreiende Menschen. Er befindet sich im Vorhof des Tempels. Bis hierher durften Nichtjuden zum Gebet gehen, die zum Glauben an Gott gekommen waren. Weiter durften nur kultisch reine Juden. Die Hohenpriester hatten in diesen Hof aber auch die Händler mit ihren Tieren lassen. Die Händler bezahlten dafür. Profit haben beide gemacht.

"Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden für alle Völker" - sagt Gott in Jesaja 56,7. - Ein Haus nicht nur für Juden. Ein Haus auch für die anderen Völker. Auch für Krüppel & Verstümmelte. - Solche gab es viele.

Die "hohe Geistlichkeit" war nicht nur auf Profit aus, sie vermittelten diesen Gläubigen Minderwertigkeit, indem sie mitten im Geblök & im Händlergeschrei beten mussten.

  • Das trotz der Aussage Gottes in Jes 56,5, dass er gerade - und auch diesen Leuten Denkmal und Namen setzen wird.

Wer Israel schon einmal besucht hat, hat Kontakt mit dieser Bibelstelle bekommen: Denkmal & Namen heißt auf Hebräisch Jad waSchem und ist die Holocaustgedenkstätte. Die Bibelstelle wurde damals missachtet - und heute, wie so oft, nicht sinngemäß verwendet.

Fortsetzung der Missachtung von Gottes Wort und der Benachteiligung von Gläubigen entstand auch im Mittelalter: Es wurde die Trennung & Wertung zwischen Laien & Priestern eingeführt. Laien waren "vor Gott" weniger wert als der geistliche Stand. Eine widergöttliche Trennung, die auf Machtstreben zurück geht - nicht aber auf Gottes Wort.


"Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden - für alle Völker".
Das ist Gottes Wort im Alten Testament, bestätigt durch Jesus im Neuen Testament.

  • Es gibt Versuche - den zerstörten Tempel wieder aufzubauen. Der Israelische Staat verhindert das - und ist hier zurecht Gottes Handlanger.

1995 habe ich vor der Knesseth, dem israelischen Parlament, den Leiter dieser Organisation gesehen, die wieder den Tempel aufbauen wollen. So weit ich weiß sind alle Geräte des Tempels - auch die goldenen - schon nachgebaut und gelagert. Zum Teil kann man sie ansehen (Tempelinstitut, Misgav Ladach Straße, jüdisches Viertel, Altstadt, Jerusalem). Jetzt muss nur noch der islamische Felsendom weg - durch Erdbeben oder Sprengung. - Und die Moslems passen auf.

Es gab und gibt - bei verschiedenen Christen auch die Ansicht, dass der Tempel wieder hergestellt werden wird.

  • Hesekiels Vision vom Tempel Kp 40 ff wird dabei zitiert. - Diese Prophetie wurde aber zum Teil verwirklicht beim Wiederaufbau des Tempels nach der Rückkehr aus Babylon.
  • Zweitens ist sie eine symbolische Darstellung des neuen Tempel, den Jesus baut. Stephanus bestätigt das in Apg 7,48-50 mit den Propheten, wenn er sagt, dass Gott nicht im Tempel wohnt.


Hier wird nicht entlang des Heilsplanes und der Aussagen der Bibel gedacht.

  • Eine Rückkehr zu den Tieropfern - würde das Opfer Jesu umgehen.
  • Ein Judenchrist wird sich nicht dafür stark machen, denn Tempel Gottes ist die Gemeinde.

Auch als Bethaus ist der steinerne Tempel nicht mehr nötig. In der Gemeinde Jesu Christi wird Gott in Wahrheit und im Geist angebetet, wie Jesus sagt.
Hier geht übertriebene Israelfreundlichkeit zu lasten der Bibel.
 

  • Gott hat den Tempel weggenommen - er ist mit Jesus sinnlos - ja antichristlich geworden
  • Der Felsendom würde als Bethaus für die Völker genügen - wenn das 'mein Haus' wirklich ein einzelnes Haus sein soll.

Es ist aber die Gemeinde, die Wohnung Gottes im Geist.


2. Der Messias reinigt sein Haus

Händler verkaufen Lämmer, Tauben - Opfertiere, Speiseopfer.
An Hochfesten gingen die Preise hoch. Die Frommen, die von außerhalb kamen, konnten ihre Tiere nicht mitbringen.
 

  • Diejenigen, die es ernst meinten mit der Bitte um Vergebung und Sühne für ihre Schuld, mussten schwer dafür bezahlen - nicht Gott - sondern den Händlern und den herrschenden Priestern.

Jesus treibt sie raus. Sie gehen widerstandslos. Es bestätigt sich seine Autorität (Mal 3,1-2).

Sein Austreiben ist nicht gegen den Handel gerichtet.

  • Sein Austreiben ist gegen die Entehrung Gottes gerichtet durch Ausbeutung der Gläubigen & Verachtung gegenüber den gläubigen Ausländern.

So ein Umgang im Gotteshaus entehrt Gott, weil das Bild das damit entsteht, einen schlechten Ruf auf Gott und seine Kirche wirft - a la: "Die Kirche ist nur hinter deinem Geld her."

Wir haben wieder eine furchtbare Parallele im Wechsel Mittelalter zur Neuzeit:

Zur Finanzierung des Petersdoms wurde für die Sündenvergebung Geld verlangt. Dieser Handel ist auch heute noch in abgeschwächter Form gültig: Messen zahlen für Verstorbene, damit sie weniger lang im Fegefeuer leiden müssen.

Aus den 95 Thesen Luthers 1517:

Nr. 27: Menschenlehre predigen die, welche sagen, dass, sobald der Groschen im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt.
In Nr. 86 wird übrigens gefragt, wieso der Papst als der reichste Mann der Welt nicht wenigstens den einen Dom mit seinem Geld baut, als mit den Groschen der Armen.

Diese Wittenberger Thesen haben die Reformation eingeleitet. Reformation heißt soviel wie "Sich wieder zurück um Gottes Wort ordnen"
Nebenbei: Vier Feldkircher Gelehrte waren damals bei Luther mit dabei. Und jetzt sind wir da.

Die Tempelreinigung Jesus auch danach noch fortgesetzt:
Er gibt die Reinigung an die berufenen und gewählten Ältesten weiter.

Die Gemeinde, die Tempel des Hl. Geistes - und damit Gottes ist, bleibt rein durch die Kirchenzucht. Die ist nötig:

  1. Damit Gottes Heiligkeit und Ehre nicht in den Dreck gezogen wird
  2. Damit die Gemeinde bewahrt wird und nicht versumpft
  3. Damit Gemeindemitglieder "zurecht gewiesen" werden (positiv gemeint)

3. Der Messias sieht sein neues Haus

Als aber die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrieen und sagten: Hosanna dem Sohn Davids! wurden sie unwillig 16 und sprachen zu ihm: Hörst du, was diese sagen? Jesus aber sprach zu ihnen: Ja, habt ihr nie gelesen: "Aus dem Mund der Unmündigen & Säuglinge hast du dir Lob bereitet"?

Wie Gott verehrt werden will, bestimmt nicht der Mensch, sondern Gott (Westminsterbekenntnis 21,1).

Die Kinder rufen Hosanna dem Sohn Davids. Hossanna ist ein Adhortativ, ein Gebetsruf an Gott und heißt: Hilf doch - verbunden mit "Sohn Davids", dem Heilandstitel, heißt es also: Herr hilf doch dem Sohn Davids.

Hier sieht Jesus anscheinend von Gott gewirkten Glauben - in den Kindern. Bei Unmündigen und Säuglingen.
Hier scheint anscheinend bei den kleinen Schreiern Gottes Erwählung durch.

Nicht das liturgisch herz- und gedankenlose Gotteslob der Professionisten im Tempel ist gottgewollt, sondern hier nimmt er die kleinen Kräher, als seine neue Kreatur mit hinein in das, was seine Schöpfung seit jeher tut - wie es in Ps 19 heißt:

Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und das Himmelsgewölbe verkündet seiner Hände Werk. 3 Ein Tag sprudelt dem anderen Kunde zu, und eine Nacht meldet der anderen Kenntnis - 4 ohne Rede und ohne Worte, mit unhörbarer Stimme. 5 Ihr Schall geht aus über die ganze Erde und bis an das Ende der Welt ihre Sprache. Dort hat er der Sonne ein Zelt gesetzt. 6 Sie, wie ein Bräutigam aus seinem Gemach tritt sie hervor; sie freut sich wie ein Held, die Bahn zu durchlaufen.

An diesen kleinen Kindern wird sichtbar, was für unseren Verstand schwierig ist: Gott sucht sich sein Volk heraus, das ihn lobt. Hier wird sichtbar, dass Glaube Werk Gottes ist (Joh 6,29). Dafür gibt er auch ein neues Herz und schafft so sein neues Israel, sein Lob.
Das Werk Gottes an den Kleinen ist hier nur zu sehen, wenn man auch die anderen Stellen dazunimmt, wie Gott wirkt.
Er macht´s wie immer, erwählt und schafft sich sein Volk, seinen Tempel (Sach 4,6, Joh 6,29). Das macht nicht der Mensch, wie auch Kirche und Gemeinde nicht zum Selbstzweck da ist, sondern zur Ehre Gottes.

  • Sie ist nicht in erster Linie da, damit sich die Glieder wohl fühlen, sondern damit Gott sich in seinem Haus wohl fühlt. Bei Sätzen wie: Wir hatten einen wunderbaren Lobpreis, tendiert sie zum Wohlfühlverein, wo mit dem Lob das eigene "feeling" gestreichelt wurde.
  • Erst in zweiter Linie ist sie auch ein Biotop - ein Ort des Lebens - für die Gemeindeglieder.

Dass sie es bleibt, dafür sorgen Wort, Sakrament, Kirchenzucht und die besondere Fürsorge Gottes für seine Kinder und sein Haus. Alles was wir brauchen und gut für uns ist, gibt er uns zu seiner Zeit.
Bis es soweit ist, sollen wir ihn ehren durch unser Bitten und Vertrauen.

Jesus kehrt zurück nach Bethanien. Ölberg rauf und dann nach Süden. Nicht von ungefähr ist es Bethanien, hebr.: "Haus der Elenden", denn er selbst ist kurz vor dem Kreuz und am Kreuz ist er, wie Jesaja prophezeit, der für uns leidende & für uns elende Gottesknecht.

Amen.

5. März 2000