Das leere Grab
 
Text: Jh, 20,1-10:

An dem ersten Wochentag aber kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war, zur Gruft und sieht den Stein von der Gruft weggenommen. Sie läuft nun und kommt zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn aus der Gruft weggenommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Da ging Petrus hinaus und der andere Jünger, und sie gingen zu der Gruft. Die beiden aber liefen zusammen, und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zu der Gruft; und als er sich vornüberbückt, sieht er die Leinentücher daliegen; doch ging er nicht hinein. Da kommt Simon Petrus, der ihm folgte, und ging hinein in die Gruft und sieht die Leinentücher daliegen und das Schweißtuch, das auf seinem Haupt war, nicht zwischen den Leinentüchern liegen, sondern für sich zusammengewickelt an einem <besonderen> Ort. Da ging nun auch der andere Jünger hinein, der zuerst zu der Gruft kam, und er sah und glaubte. Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, daß er aus den Toten auferstehen mußte. Da gingen nun die Jünger wieder heim.

 

Das Grab ist leer! Das ist verwunderlich - aber kein Wunder.

Der biblische Bericht ist zweideutig. Er lautet:
 

  • Petrus & Co. sind wie die Hasen in die Büsche - kommen aber kurz aus dem Versteck.
  • Emmausjünger laufen zerschlagen aus der Stadt, fix und fertig.
  • Ein paar Frauen melden aufgeregt, das Grab sei leer.
  • Die Wachmannschaft meldet dasselbe (Mt 28.13).
  • Freund und Feind sind sich über das leere Grab einig.

Bibel und Bibelkritik melden hier dieselben Fakten. Nur die Deutung ist unterschiedlich!
Hohepriester, Pharisäer & Bibelkritiker sagen: Die Jünger haben ihn gestohlen.
Die Bibel sagt: Er ist auferstanden.

Die biblische Botschaft besteht aus: Darlegung von Fakten und der christlichen Deutung dieser Fakten. => Ein leeres Grab ist kein Beweis für die Auferstehung! Es ist ein Hinweis!
Beispiel: Die Straße ist am Morgen naß. Einer sagt, es habe geregnet. Der andere sagt: "Nein, ein Straßenreinigungsauto hat mit Wasser die Straße naß gemacht". Wenn man nur auf die Straße schaut, ist die Tatsache der nassen Straße zweideutig. Wenn die beiden auch Gehsteig und Dächer anschauen, wird es eindeutiger.
Wenn man nur auf das leere Grab schaut, ist das auch zweideutig.
Um sicher zu gehen, muß man auch die Umgebung anschauen. Ein Faktor isoliert betrachtet ist zweideutig. Damit kann man nichts Genaues sagen.

Es lohnt sich das Umfeld des leeren Grabes zu untersuchen, denn die Auferstehung Jesu ist ein entscheidender Faktor für Christen und Nichtchristen:
So schreibt Paulus an die Korinther (1 Kor 15,14): Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist also auch unsere Predigt inhaltslos, inhaltslos aber auch euer Glaube.
Denn dann hätte Jesus versagt. Er wäre ein Mensch wie jeder andere - sogar noch schlimmer: er wäre entweder ein Lügner oder ein Irrer mit Wahnvorstellungen gewesen, denn er hat Sachen gesagt, die ein normaler Mensch nicht sagen konnte.
 

  • Ohne Auferstehung oder Glauben daran - wären Menschen, die sich als Christen bezeichnen noch irrsinniger.
  • Die Auferstehung ist von der Bibel her gesehen das Zeichen, daß Gott Jesu Erlösungsopfer angenommen hat. - Daß also Sünde und Schuld vergeben ist.

Mit der Auferstehung steht und fällt das Christentum.

Christen hätten keinen Herrn - damit keine Führung, Hilfe und Geborgenheit.
Christen hätten keine Zukunft und Gewißheit für die Zukunft.
Christen hätten niemand, dem sie verantwortlich wären.


Also schauen wir das Umfeld des leeren Grabes an:

1. Sogenannte wissenschaftliche Kritiker interpretieren von der Annahme aus, daß die Bibel ein Buch ist wie jedes andere und auch so untersucht werden muß. Übernatürliches muß von der Wissenschaft ausgeschlossen, da sie nur Meßbares untersuchen kann. Wunder und Auferstehung sind übernatürlich und deshalb nicht wörtlich zu nehmen. Das Umfeld ist hier das Meßbare.
Manche interpretieren hier auch in einer "psychologischen Art und Weise": Was ist die innere Bedeutung dieser Geschichte? - Auch Grimms Märchen werden so behandelt - à la: in jedem steckt ein Wolf, besonders in den Großmüttern.

Kritik an dieser Stelle: Bei aller Berechtigung und allem Erfolg der Wissenschaft in der Textforschung, systematischer Theologie, Archäologie, usw. Aber sie muß in ihrem Metier bleiben. Wunder entziehen sich (genauso wie Gott) ihrer Untersuchung (siehe das Werk des Cambridge Professors C.S. Lewis "Wunder: möglich, wahrscheinlich, undenkbar", Basel, Gießen 1980).

2. Wenn die jüdische Kirche das Umfeld anschauten, sah das so aus: Sie rechneten (zum Teil) mit Wundern, aber sie erwarteten einen Messias, der in Macht kommt, die Römer hinauswirft und sie selbst bestätigt(!). Jesus paßte da nicht hinein. Deshalb: Ablehnung! Deshalb: "Die Jünger haben ihn gestohlen!"

3. Das Umfeld der Bibel:
3.1 Lk 24,26: Mußte nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen das, was ihn betraf.
Leiden, Tod und Auferstehung sind vorhergesagt worden. Jesaja redet schon 700 Jahre vor Jesus vom Leiden des Gottesknechts. - Die ganzen Opfergesetze waren ein Vor- und Abbild des einen Opfers, das Jesus brachte.
3.2 Jesus ging zielstrebig in den Tod, er hat mehrfach Tod und Auferstehung angekündigt.
3.3 Die Jüngerschaft nach seinem Tod fürchtete um ihr Leben und verkroch sich. Plötzlich aber werden die Angsthasen mutig. - Treten den Mördern Jesu entgegen und werden zu Zeugen und Märtyrern. Sogar Feinde sind plötzlich umgepolt und werden Freunde.
3.4 Durch Jahrhundete hindurch werden Menschen neu, nicht weil sie einer neuen Lehre
folgen, sondern weil sie vom Herrn angesprochen und verändert werden. Was veranlaßte z. Bsp. den jungen Playboy Franz von Assisi seine Karriere und sein Vermögen zu verschenken, der Ärmste der Armen zu werden.
3.5 Weshalb erleben Menschen auch heute noch solche "Umwandlungen" und konkrete Erhörung ihrer genauso konkreten Bitten.
Keine Lehre der Welt leistet es sich, ihre Anhänger zu solchem Bitten aufzufordern mit dem Versprechen, daß es erfüllt wird. Genau das tut Jesus in seiner Abschiedsrede in Johannes 14,13-14. - Übrigens gibt es das in dieser Direktheit in keiner anderen Religion der Welt (Judentum ausgenommen). - Anbetung und Pauschalgebet gibt es überall. Aber keine konkreten Zusagen. So etwas leistet sich nur der lebendige Herr.

Ergebnis:
Was vom Umfeld her wahrnehmbar ist, unterstützt die christliche Interpretation: Er ist auferstanden und man muß mit ihm rechnen - sei es positiv, daß man ihm sein Leben anvertraut und sich von ihm in Dienst stellen läßt. Oder negativ - daß man mit seinem Gericht rechnen muß, weil man sein Angebot abgeschlagen hat. Denn die Ablehnung erfolgt letztendlich nicht aufgrund der Intelligenz, sondern auf der Basis von moralischer Ungerechtigkeit (Römer 1.18).

Darin besteht das Wesen der Bibel: sie gibt Information und verlangt damit eine Stellungnahme. Diese Information wird noch unterstützt durch die im Menschen innewohnende Ahnung von Gott - sowie dem Hl. Geist, der die Autorität der Bibel bezeugt. Denn sie ist nach ihrer eigenen Aussage: 'theopneustos' - gottgehaucht!
Wer Gottes Wort verwirft, verwirft eigentlich auch Jesus und Gott. Denn die Bibel ist die einzige seriöse und zielführende Information, die wir über Gott, sein Wesen und seinen Weg haben.

Jesus enttäuschte manche Erwartungen seiner Zeitgenossen:
Er setzte seine Problemlösung tiefer und anders an, als erwartet. Er stößt zum Zentrum des Problems vor: Die Herrschaft der Sünde wird gebrochen.
Nicht die politische Struktur wird geändert. Nicht das soziale System reformiert. Das hat es so oft in der Geschichte der Menschheit gegeben - Gott setzt soviel tiefer an:
Das Herz des einzelnen Menschen wir geändert: Das Krebsgeschwür, das das Leben vergiftet und in die falsche Richtung treibt, wird operiert.
Hesekiel (36:26) sagt es voraus: "Ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben."
Das ist hier die gute Nachricht, daß mit Gottes Geist - Friede, lebensveränderndes Gottvertrauen und lebensnotwendige Geborgenheit ins Herz einzieht.
Das ist hier Evangelium, daß ein neuer Wille die alte Egozentrik überwindet.

ENTTÄUSCHUNG ist insofern gut, damit man ein Leben lang nicht ein Getäuschter bleibt.

Jesus ist auferstanden! - Damit haben wir Hoffnung. Damit gehen wir nicht alleine durchs Leben. Damit gehen wir unter Schutz auf das ewige Leben zu.

Jesus ist auferstanden! Wir haben jemanden, der uns hört und erhört.

Jesus ist auferstanden! Das Leben kann gelingen und fruchtbar für andere werden.

Jesus ist auferstanden, Gott hat sein Opfer angenommen. Die Distanz Gott - Mensch ist überwunden. Unsere Schulden sind bezahlt.
Das ist das eindeutige Umfeld des christlichen Glaubens.

Zum Schluß ein Blick aus unserer Evangelisch reformierten Kirche hinaus: In den orthodoxen Kirche ist der Jubel am Ostersonntag ein guter Brauch. Die Menschen grüßen sich mit: "Er ist auferstanden" - Und die Antwort lautet: "Er ist wahrhaftig auferstanden!".

Amen.

4. April 1999