Evangelium
 
Text: Mk 1,14-15:

Und nachdem Johannes überliefert war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

 

Typisch Markus, ein kurzer konzentrierter Bericht!

Die Punkte davor:

  • Jesus ist am Anfang seiner öffentlichen Tätigkeit.
  • Er ist von Johannes getauft worden.
  • Er ist durch die Versuchung durch.

"Und nachdem Johannes überliefert war"
Keine Seele ohne Probleme: Johannes der Täufer, sein Botschafter, wurde eingesperrt. Das ist auch Widerstand gegen Jesus. - Dieser Widerstand ist angekündigt, ist normal für ihn und wird auch normal für seine Nachfolger:

Lukas 2:34 Simeon spricht die Prophezeiung Jesajas über dem Säugling Jesus aus: "Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird." Jesus prophezeit seinen Jüngern mehrfach die Verfolgung (Matthäus 5.11, 10.16f, usw.)

Wenn wir das Leben Jesu und der Gemeinde anschauen - berücksichtigen, was unmittelbar vor unserem Text geschah (die Versuchung) - dann geht anscheinend hinter den sichtbaren Linien ein Machtkampf vor sich. Wenn wir lesen, daß Jesus erschienen ist, damit er die Werke des Teufels vernichte (1. Johannes 3.8), bringt das mehr Licht in die Sache. Wir sehen den Kampf zwischen Gut und Böse (himmlischen und dämonischen Heerscharen) nicht, aber wir erleben die Auswirkungen. Wir stehen auf der einen oder anderen Seite und sind so am Kampf beteiligt. D. h. hier gibt es keine Neutralen (Matthäus 12.30).

"... kam Jesus nach Galiläa und predigte..."
Matthäus schreibt: Er ist ins 'Galiläa der Heiden' geflohen, damit erfüllt wird, was die Schrift (Altes Testament) sagt. - Es passiert nichts von ungefähr: Jesus ist eingebettet in Gottes Plan.
Das Leben, das wir führen, ist oft ohne Zwang. - Natürlich!, unsere Gesellschaft legt uns Normen vor. Es gibt auch (zwanghafte) Verhaltensmuster, denen wir von Kindesbeinen an unterworfen sind. Aber das nehmen wir - wenn überhaupt - nur am Rande wahr.

Der Volksmund wirft mit zwei Wahrheiten einen Blick hinter die Linien:
"Er wird vom Teufel geritten" und "Der Mensch denkt und Gott lenkt."

Wie bei einer Rakete ist der Treibstoff, der sie antreibt nicht sichtbar. Im Sichtbaren erscheinen die Ereignisse zufällig. Wille wird durchgesetzt. Entscheidungen werden gefällt, Pläne gemacht, sogenannte "Schicksalsschläge" erlitten. - Das Ziel steht aber schon fest!
Jesus ist eingebettet in Gottes Plan. Er hat sich vorgenommen, auf ihn zu hören, ihm zu gehorchen. - Gott benutzt dabei den Widerstand, um seinen Sohn an den Platz zu bringen, von dem er 700 Jahre schon geredet hat. - Ein weiteres Puzzlestück in Gottes Plan.

"..."kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes"
490 v. Chr. Die kleine athenische Streitmacht steht unter ihrem Führer Miltiades dem riesigen persischen Heer gegenüber. Zuhause hoffen und bangen die Zurückgebliebenen. Frauen, Alte, Kinder. Ihnen droht Vergewaltigung, Tod, Sklaverei, Raub. Die Griechen unter ihrem General kämpfen, sterben, siegen. Die Perser werden unerwartet geschlagen. - Wer darf die Siegesbotschaft nach Athen bringen? Miltiades wählt einen aus. Der Freudenbote läuft los. Und wie er läuft! - 42,185 km durch die Sonne Hellas'. Die Späher in der Stadt sehen ihn und alarmieren die Bevölkerung. Alle strömen auf die Agora, gefaßt auf eine schnelle Flucht. Der Läufer torkelt durch die Menge. Vor den Rat. Bricht zusammen. Stammelt: "Euangelion enikesamen - Evangelium, wir haben gesiegt!" stirbt.


Was ist ‚Evangelium'?
Evangelium ist 'Freudenbotschaft'.
Eine Nachricht, die gilt, die einem zugesprochen wird. - So gültig, wie wenn der Notar einem eine Erbschaft eröffnet und zuspricht. Man ist direkt und persönlich betroffen und es hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben - ähnlich wie bei den Einwohnern Athens.
Inhalt von Gottes Evangelium ist kurz gesagt: Jesus hat durch seinen Opfertod für meine Schuld bezahlt. Gott adoptiert uns durch seinen Sohn - ohne Bedingung: Der Name "Immanuel" aus Matthäus 1.23 wird real: Gott mit uns. Damit ist Evangelium nicht nur Nachricht, sondern Kraft, die mich ergreift (Römer 1.16).

Durchs Evangelium wird man an Gottes Dynamik angeschlossen.
Es zieht in die Beziehung mit Gott hinein. Eine gesicherte Beziehung auf dem Fundament, daß Jesus alles für uns getan hat, was zu dieser Beziehung nötig ist. - Sie ist bombenfest durch den Preis, den er bezahlt hat. Wir sind eingebettet in Gottes Plan und Willen (Epheser 2.10). Wir sind ohne Zwang unter sein "Treibmittel" gestellt (Römer 8.14). Das alles auf der befreienden Gewißheit, daß er keines seiner Kinder aufgibt (Römer 8.17)!

Vorher war man vielleicht im Streß der Mit- und Selbsterlösung durch gute Taten - jetzt zur Ruhe gebracht und die Hände frei für ihn.
Vorher unter Anerkennungsdruck bei Gott und Mensch - jetzt auserwählt, angenommen geliebt.
Vorher relative Ungewißheit, ob es für den Himmel reicht - jetzt aber ohne Bedingung ins Reich Gottes hineingestellt.
Vorher der Willkür und dem Schicksal ausgeliefert, jetzt gesichert im unsichtbaren Reich unter der Macht des Vaters, der dafür sorgt, daß alles, was mich trifft - zu meinem Besten sein muß.

Durch's Evangelium überschreitet der Herr die unsichtbare Frontlinie. Er ruft und langt aus dem Unsichtbaren herüber. - Unser Geist ist damit schon im Hafen der Ewigkeit angelangt. Die Seele ist auch schon sicher dort verankert - schlingert aber noch am langen Ankertau. Der Körper steht noch hier - auf dem Trockenen oder bis zum Hals im Wasser. Aber was soll's? - Im Hafen angekommen, wird er entschrumpelt und entschlackt auf Vordermann gebracht (Philipper 3.21).
Evangelium ist Kraft und Hoffnung, die an mir wirkt - ist geschenkte Rettung. - Der zugeworfene Rettungsring im Strudel des Lebens. - Das Rettungsseil in der Felswand, das einen umschlingt. - Die ausgestreckte Hand, die Orientierung gibt. - Die kräftigen Arme, die einen tragen.
Evangelium ist auch Abwehr vor Gottes berechtigten Zorn über meine Sünden.
Evangelium ist auch Abwehr vor dem (in)direkten Zugriff des Teufels.

Evangelium Gottes wirkt Glauben
Glaube, bzw. Vertrauen kommt aus der Verkündigung des Evangeliums (Röm 10.17 + Apg 10.44). Vertrauen nicht nur zum lebendigen Herrn und Gott, sondern auch Vertrauen zum Wort Gottes!
Kein blinder Glaube wird verlangt, sondern Schritt um Schritt - Schritte im Vertrauen. Das ist Wagnis und Vertrauenserweis zugleich. - Jesus sagt einmal zu denen, die sich gerne mit "Wer weiß ob es stimmt" rausreden: "Wenn jemand tun will, was Gott sagt, der wird beim Tun erkennen, ob meine Lehre von Gott ist". Evangelium hören und gehorchen wollen ist Wirkung des Evangeliums. Gott läßt sich dabei nicht lumpen, er steht zu dem, was er befiehlt und verspricht.
Evangelium bringt Mut und Willen zum Glauben/Vertrauen hervor.
Evangelium bringt aber andererseits auch deutlich Unglauben/Mißtrauen zum Vorschein.
Es läßt keinen Mittelweg zu. Desinteresse ist gleich Widerstand!
Jes 55.11: Gottes Wort kommt nicht leer zurück, es wird ausrichten wozu ich es gesandt habe.

Evangelium heiligt
... wie es auch in der ganzen Welt Frucht bringt und wächst, wie auch unter euch von dem Tag an, da ihr es gehört und die Gnade Gottes in Wahrheit erkannt habt" (Kolosser 1.5-6)

Ziel des Evangeliums ist, daß ich "verrückt" werde!
Dieses "Verrücken" geschieht durch den Hl. Geist. Er rückt einen zum Herrn Jesus hin (Johannes 16.14).
So wird Evangelium hören und dem Evangelium gehören/gehorchen eins.
Es schafft in uns Ähnlichkeit mit Jesus (Römer 8.29-31).
Motto: Lieber dem Herrn und Freund gefallen, als meinen Vorteil aus einer ein- bis zweideutigen Sache zu schlagen. Das hab' ich nicht mehr nötig. Er meint es gut mit mir, besser als ich es je meinen könnte.
Dieses Ur- bzw. Grundvertrauen wird durch's Evangelium hergestellt (Epheser 2.8). Es verschafft dabei auch den nötigen Nervenkitzel und trainiert die Ausdauer - im Warten und Vertrauen auf sein Handeln!

Evangelium schafft Gemeinden
Es macht Tote lebendig, führt sie zusammen, daß sie 'Leib Jesu bilden', gerettet und geheiligt werden (Epheser 4, Apostelgeschichte 2.47). Wo Jesus alles gegeben hat, um seine Gemeinde in dieser Welt aufzurichten, wo seine ganze Leidenschaft darin liegt, sie lebendig und aktionsfähig zu halten (Seine ersten und letzten Worte drehten sich um's 'Reich Gottes' in Mk 1.15 und Apg 1.3) - ist es nur natürlich, daß wir da unsere Heimat und Aufgabe haben!


"...Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen"
Es geschah zwar im letzten Winkel des Römischen Reiches, aber es war der richtige Zeitpunkt und der richtige Platz:
Das Volk war hungrig nach der versprochenen Hilfe.
Die Zeit war reif - durch die Sittenlosigkeit (auch hervorgerufen durch Religionen und Philosophie). - Die überall gesprochene griechische Sprache vereinfachte die Verkündigung. - Römischer Friede und gesicherte Verkehrswege ließen die Ausbreitung des Evangeliums zu.
Das Reich Gottes ist mit Jesus über die Welt gekommen. Reich Gottes heißt wörtlich "Königsherrschaft Gottes". Sie wird ab jetzt auf die ganze Welt ausgebreitet. - Der Teufel ist gebunden, so daß er nicht mehr die Völker verführen kann. Mit dem Evangelium ist jetzt das Stopschild Gottes an jeder seiner Umleitungen in den Abgrund erschienen.
Überall errichtet der Herr seine Hinweistafeln. Überall richtet er seinen Weg zu ihm ein.

Tut Buße und glaubt an das Evangelium!
Der Befehl ist die eindringliche Einladung zur Umkehr
Die herzliche Einladung zur Heimkehr zum Vater.
Die sehnsüchtige Aufforderung Ebenbild Gottes zu werden und den Platz einzunehmen, für den Gott einen geschaffen hat.

"Buße tun", klingt wie: "Asche auf dem Haupt und Zerknirschung" - Das kann es auch beinhalten, wenn man merkt, daß man sich verrannt hat. - Wer sein Leben autonom geführt hat und für den die Gottesfrage nur ein Randpunkt des Lebens war, gibt es traurige Sackgassen. Wer den Kopf in den Sand gesteckt hat, knirscht mit der Zeit mit den Zähnen.
Eigentlich aber heißt das griechische Wort hier aber: "Ändert euren Sinn"
Ändert euren Sinn und vertraut dem Evangelium! Der Wille wird angesprochen!
Vertraut nicht mehr aufs Glück oder auf eure Fähigkeiten, denn das sind letztendlich unsichere Vertrauensbasen.
Vertraut dem, dem es gebührt.
Vertraut auf den, der was für euch getan hat und tut.
Vertrau und trau' dich in seine Hand zu fallen.
Die letzten Worte, die Jesus am Ende stammelt: "Tetelesthai - Es ist vollbracht!" Und er stirbt.
Professor Julius Ringel schreibt in 'Die österreichische Seele': ...das Leben birgt viele Gefahren, die größte aber ist, wenn die Beziehung mit Gott mißlingt". - Diese Gefahr ist damit beseitigt.

Amen.

 
Februar 1999